Dieser Beitrag basiert auf einem Interview, das Isabel Link am 08. Dezember 2025 mit Vaya Wieser-Weber geführt hat. Das Gespräch erschien ursprünglich im Online-Magazin aktiv.
Aktiv richtet sich vor allem an Beschäftigte, Betriebsräte und Führungskräfte aus der Industrie und verbindet verständlich aufbereitete Hintergrundinformationen mit Praxisnähe, Einordnung und Orientierung.
Wenn ich in Unternehmen wie Bayer aktiv (siehe Beitragsbild) oder bei einem Event von Niedersachsen Metall, in dessen Rahmen das interview statt fand, über Veränderung spreche, beginne ich selten mit Konzepten oder Modellen. Ich beginne mit einem Gefühl. Dieses leise Ziehen im Bauch, wenn etwas Neues auftaucht. Manchmal ist es Vorfreude, manchmal Widerstand. Beides ist menschlich. Aber entscheidend ist, was danach passiert. Genau hier kommt das Growth Mindset ins Spiel. Es ist kein Werkzeugkasten, kein Trainingsprogramm, sondern eine Art, in der Welt zu stehen
Warum Veränderung und Growth Mindset zusammengehören
Auf dem „Industrie digital“-Kongress habe ich darüber gesprochen, warum dieselbe Veränderung Menschen so unterschiedlich trifft. Die eine Person sieht eine Bedrohung, die andere eine Chance. Der Unterschied liegt nicht im Umfeld, sondern in der inneren Haltung. Es geht darum, ob die Welt als festgelegt oder als gestaltbar erlebt wird. Das ist der Kern des Growth Mindset.
In vielen Organisationen beobachte ich, wie Wandel zunächst mit Strategie, Strukturen und Tools angegangen wird. Doch darunter arbeitet etwas viel Wirkmächtigeres, nämlich die Frage, ob Menschen glauben, sich entwickeln zu können. Ohne dieses Fundament bleiben alle Maßnahmen oberflächlich.
Das wissenschaftliche Fundament des Growth Mindset
Carol Dweck hat mit ihrer Forschung einen entscheidenden Punkt sichtbar gemacht. In ihren Studien mit Kindern zeigte sich ein frappanter Unterschied. Einige Kinder suchten die Herausforderung, selbst wenn sie wussten, dass sie scheitern könnten. Sie waren fasziniert vom Prozess, vom Ausprobieren, vom Dranbleiben. Andere dagegen gaben schnell auf, sobald etwas nicht sofort gelang.
Daraus entstand die Unterscheidung zwischen Growth Mindset und Fixed Mindset. Wachstumsorientiertes Denken auf der einen Seite, festgelegtes Denken auf der anderen. Für mich war diese Erkenntnis nie nur akademisch. Sie erklärt, warum manche Menschen in Veränderung aufblühen und andere innerlich dichtmachen.
Growth Mindset versus Fixed Mindset
Mit einem Growth Mindset richtet sich der Blick auf Lernen statt auf Bewertung. Fehler werden nicht als Makel erlebt, sondern als Informationen. Neugier bleibt lebendig, auch wenn es unbequem wird. Es entsteht eine ruhige, fast gelassene Haltung gegenüber Unsicherheit.
Beim Fixed Mindset dagegen wird Identität über Talent definiert. Entweder man ist gut, oder man ist es nicht. Scheitern fühlt sich dann existenziell an. Scham schleicht sich ein, Vergleiche werden schmerzhaft. Erfolge anderer lösen eher Abwehr als Inspiration aus.
Das gute ist: Diese beiden Denkweisen sind keine Schubladen, in die Menschen dauerhaft einsortiert werden, sondern eher Muster, die sich je nach Situation zeigen. In manchen Bereichen lebt ein starkes Growth Mindset, in anderen übernimmt das Fixed Mindset das Ruder.
Ist ein Growth Mindset angeboren oder erlernt?
Das wunderbare ist eigentlich, dass wir am Anfang alle kleine Lernprofis sind. Das erste Wort, der erste Schritt, das erste Lachen, das erste Zählen. All das entsteht durch Versuch und Irrtum. In diesem Sinne trägt jeder von uns ganz ursprünglich ein tolles Growth Mindset in sich.
Doch dann kommt die Welt dazwischen. Schule, Noten, Bewertungen, Vergleiche. Fehler werden markiert, nicht erkundet. Auch in der Erziehung wird oft Talent statt Anstrengung gelobt. „Du bist so schlau“ klingt nett, sendet aber eine gefährliche Botschaft. Können erscheint als feste Eigenschaft und nicht als Ergebnis von Übung.
So verschiebt sich der Fokus und Lernen wird mit Leistung verknüpft und Neugier mit Risiko. Das ursprüngliche Wachstumsdenken wird zwar nicht zerstört, aber überlagert.
Mentale Autobahnen und ihr Einfluss auf das Growth Mindset
Als Erwachsene kämpfen wir weniger gegen äußere Bewertungen als vielmehr gegen innere Gewohnheiten. Jeden Tag rasen Tausende Gedanken durch den Kopf, die meisten davon Wiederholungen des Vortags. Daraus entstehen mentale Autobahnen, die man sich wie automatisierte Denkpfade vorstellen kann.
Wenn diese Pfade aus einem Fixed Mindset stammen, fühlt sich Veränderung schwer an. Dann bevorzugt das Gehirn Bekanntes, selbst wenn es unbefriedigend ist. Neues wirkt bedrohlich, weil es Unsicherheit bringt. Ein Growth Mindset hingegen ist in diesem Moment wie eine Abfahrt, die bewusst gewählt werden muss.
Diese bewusste Entscheidung ist anstrengend, aber sie verändert die Richtung. Nicht sofort, aber nachhaltig.
Das kleine Wort „noch“ als Türöffner zum Growth Mindset
Ein unscheinbares Wort hat hier enorme Kraft. „Noch“: „Ich kann das noch nicht“ öffnet einen Raum, denn es verschiebt den Fokus vom Defizit hin zur Entwicklung. „Ich kann das nicht“ hingegen schließt Türen, bevor sie überhaupt sichtbar werden.
Dieses „noch“ ist kein positives Denken im luftleeren Raum, sondern ein präziser Eingriff in die eigene Denkweise. Es erinnert ganz pragmatisch daran, dass Können ein Prozess ist und kein Zustand.
Growth Mindset im Arbeitsleben
In Unternehmen ist Veränderung längst Normalzustand. Prozesse werden angepasst, digitale Tools eingeführt und Rollen verändern sich. Für viele fühlt sich das wie ständiger Druck an.
Ein Growth Mindset verändert die Perspektive. Mit ihm wird jede Veränderung als Lernanforderung verstanden und damit nicht automatisch als Bedrohung, sondern als Teil eines größeren Entwicklungswegs. Das bedeutet nicht, dass alles auf magische Weise leicht wird. Aber die Ausgangssituation wird anders interpretiert.
Ich erlebe in Workshops immer wieder, wie befreiend diese Sichtweise sein kann. Wenn klar wird, dass niemand alles können muss, sondern lernen darf.
Lässt sich ein Growth Mindset trainieren?
Ja, aber nicht mit großen Programmen, sondern viel besser im Alltag. Es sind die kleinen Momente, die zählen, wie etwa meine Überraschung, dass ein Uber-Fahrer erwartet, dass das Gepäck selbst eingeladen wird. Oder mein Herumprobieren an einem neuen Ticketsystem auf einer Konferenz. Diese vermeintlichen Stolper-Momente sind alles kleine Lernsituationen, die uns aus unserer eingefahrenen Denkautobahn zum Abbiegen einladen.
Solche Situationen wirken vielleicht auf den ersten Blick banal. Doch sie sind Trainingsfelder, die zeigen, wie viel täglich gelernt wird, ohne dass es bewusst wahrgenommen wird. Wer beginnt, diese Momente zu bemerken, stärkt das eigene Gefühl von Lernfähigkeit.
So wächst ein Growth Mindset nicht durch Theorie, sondern durch Erfahrung im Alltag.
In meinen Keynotes und Trainings zu Growth Mindset geht es daher immer darum, wie Menschen ihr Mindset verändern, damit sich von dort aus ihre Wahrnehmung, ihr Denken und damit auch ihr Handeln nachhaltig verändern kann, so dass diese Entwicklung von ihnen heraus zum tragen kommt und nicht bloß kurzfristig irgendwelchen Tools und Techniken angewendet werden.
Vom Growth Mindset zur Haltung
Am Ende geht es nicht darum, perfekt zu denken. Es geht um eine Haltung, die Fehler als Teil des Weges akzeptiert, Neugier wach hält und Lernen als natürlichen Bestandteil des Lebens versteht.
Damit ist das Growth Mindset ist keine Methode, sondern eine Praxis oder vielleicht sogar eine Lebenshaltung. Sie entsteht im Alltag, im Innehalten, im kleinen Wort „noch“ und in der Bereitschaft, eigene Denkgewohnheiten zu hinterfragen.
Veränderung bleibt anspruchsvoll, aber mit einem Growth Mindset wird sie weniger zur Bedrohung und mehr zu einem Raum, in dem Entwicklung möglich ist.
Bleibt neugierig –
eure Vaya Wieser-Weber,
und das Team der Impulspiloten