Es gibt diesen Moment in Workshops und Seminaren, den kann ich nicht planen. Ich kann Musik einsetzen, einen Bewegungsimpuls geben, Energizer und Icebreaker zum Einsatz bringen und mit Methoden aus dem Improvisationstheater die Energie im Raum immer wieder positiv regulieren. Aber ich kann nicht anordnen, dass aus einer kleinen Übung plötzlich eine Polonaise entsteht.
Genau das passierte kürzlich bei Memox Innovations AG.
Ein Mensch griff den Impuls auf. Andere stiegen ein, verstärkten die Idee und zogen die Nächsten mit. Innerhalb weniger Sekunden entwickelte die Gruppe eine eigene Dynamik: spontan, leicht und völlig ungeplant. Für mich wurde in diesem Moment etwas sichtbar, das ich den Glue Factor eines Teams nenne.
Was ist der Glue Factor?
Der Glue Factor ist kein fest definiertes wissenschaftliches Modell. Ich nutze den Begriff als Arbeitsbeschreibung für die innere Verbindung einer Gruppe: für ihre Fähigkeit, schnell Kontakt herzustellen, Impulse aufzugreifen und daraus gemeinsam etwas entstehen zu lassen.
Dabei geht es nicht darum, dass alle ständig einer Meinung sind oder sich immer harmonisch verhalten. Eine starke Verbindung hält auch unterschiedliche Perspektiven, Reibung und anspruchsvolle Gespräche aus.
Für mich zeigt sich der Glue Factor in Fragen wie:
- Nehmen Menschen wirklich wahr, was im Raum passiert?
- Greifen sie die Ideen anderer auf?
- Trauen sie sich, selbst einen Impuls zu setzen?
- Und kann daraus etwas entstehen, das niemand allein geplant hätte?
Was die Forschung über den „Klebstoff“ von Teams weiß
Auch wenn der Glue Factor in dieser Form meine eigene Beschreibung ist, gibt es mehrere wissenschaftliche Konzepte, die erklären, was ich in solchen Momenten beobachte.
Die Forscher Mattias Jacobsson und Thommie Burström beschrieben bereits 2011 sogenannte Glue People in Projekten. Damit sind Menschen gemeint, die informelle Verbindungen herstellen, Informationen weitertragen, zwischen Beteiligten vermitteln und dadurch die Zusammenarbeit zusammenhalten. Ihre Leistung ist wichtig, bleibt in Stellenbeschreibungen und klassischen Kennzahlen jedoch oft unsichtbar.
Auch die Forschung zur Teamkohäsion zeigt einen Zusammenhang zwischen Zusammenhalt und Leistung. Eine Metaanalyse kam zu dem Ergebnis, dass dieser Zusammenhang besonders deutlich wird, wenn Leistung nicht nur über Endergebnisse, sondern über konkretes Verhalten und effiziente Zusammenarbeit betrachtet wird.
Was wir als gemeinsamen Vibe wahrnehmen, kann außerdem mit emotionaler Ansteckung zusammenhängen. In einer bekannten experimentellen Studie untersuchte Sigal Barsade, wie sich Stimmungen innerhalb von Gruppen übertragen. Positive emotionale Dynamiken gingen dabei unter anderem mit mehr Kooperation, weniger Konflikten und einer besseren Wahrnehmung der Gruppenleistung einher.
Und selbst der gemeinsame Rhythmus ist mehr als eine schöne Metapher. Studien zur zwischenmenschlichen Synchronität zeigen, dass sich Bewegungen und sogar physiologische Prozesse von Gruppenmitgliedern während gemeinsamer Aktivitäten aufeinander abstimmen können. Solche Synchronität stand in Untersuchungen mit einem stärkeren Erleben von Gruppenkohäsion in Verbindung.
Der Glue Factor lässt sich nicht verordnen
Zu Beginn eines Workshops nehme ich mir deshalb bewusst Zeit. Ich möchte ein Gefühl dafür bekommen, auf welchem emotionalen Niveau eine Gruppe startet und wie ausgeprägt ihr Glue Factor bereits ist.
- Wie schnell entsteht Kontakt?
- Wer gibt Energie in die Gruppe?
- Wer verbindet andere miteinander?
- Wie bereitwillig werden Impulse aufgenommen?
Auch nach Pausen arbeite ich mit Methodenwechseln, Bewegung und Applied Improv. Nicht, um künstlich gute Stimmung zu produzieren. Sondern um Menschen wieder wacher und aufmerksamer füreinander zu machen und neue Anschlussmöglichkeiten zu schaffen. Ob daraus eine spontane Polonaise entsteht, kann ich nicht versprechen. Aber ich kann einen Raum öffnen, in dem sie möglich wird.
Verbindung als unterschätzter Erfolgsfaktor
Bei memox kamen General Manager und Vertriebsteams aus verschiedenen Standorten zusammen. Sie brachten unterschiedliche Erfahrungen, Aufgaben und Themen mit.
Was mich beeindruckte, war nicht nur ihre Leistungsorientierung. Es war ihre Freude daran, gemeinsam Energie zu erzeugen. Die Menschen reagierten schnell aufeinander, entwickelten Ideen weiter und fanden wie selbstverständlich einen gemeinsamen Rhythmus.
Darin liegt für mich einer der meistunterschätzten Erfolgsfaktoren in Zeiten von Wachstum und Veränderung: nicht nur gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten, sondern sich dabei wirklich miteinander verbunden zu fühlen.
Denn Kennzahlen zeigen Ergebnisse.
Organigramme zeigen Zuständigkeiten.
Der Glue Factor zeigt, was zwischen den Menschen entsteht.
Und memox? Liegt auf meiner persönlichen Glue-Factor-Skala eindeutig bei 11 von 10.
Keep growing –
eure Vaya Wieser-Weber,
und das Team der Impulspiloten
Quellen und weiterführende Forschung
- Burström, Thommie & Jacobsson, Mattias: The Role and Importance of “Glue People” in Projects, 2011.
- Beal, Daniel J. et al.: Cohesion and Performance in Groups: A Meta-Analytic Clarification of Construct Relations, 2003.
- Barsade, Sigal G.: The Ripple Effect: Emotional Contagion and Its Influence on Group Behavior, 2002.
- Gordon, Ilanit et al.: Physiological and Behavioral Synchrony Predict Group Cohesion and Performance, 2020.
- Tomashin, Adam et al.: Interpersonal Physiological Synchrony Predicts Group Cohesion, 2022.
Autor
-
Vaya Wieser-Weber ist Unternehmerin und Keynote Speakerin für Growth Mindset, Zuversicht und positive Führung im Business. Unternehmen buchen sie, wenn es darum geht, Veränderung nicht nur zu verstehen, sondern in Verhalten zu übersetzen und eine klare, zukunftsorientierte Haltung im Unternehmen zu verankern.
Sie zählt zu den profiliertesten Speakerinnen im deutschsprachigen Raum und steht für Keynotes mit Substanz, Wirkung und hoher Umsetzungsstärke – geprägt von über 25 Jahren Erfahrung, fundierter Expertise sowie einer kraftvollen Mischung aus Klarheit, Energie und Humor.
In ihren Vorträgen zeigt sie, wie Unternehmen, Teams und Führungskräfte auch in unsicheren Zeiten handlungsfähig bleiben, ein starkes Growth Mindset entwickeln und Zuversicht gezielt als Führungsressource nutzen.
Als Autorin, Podcasterin von „Good Life, Good Business“ und geschäftsführende Gesellschafterin der Impulspiloten GmbH entwickelt sie Formate für Organisationsentwicklung, die Kultur, Zusammenarbeit und Führung nachhaltig verändern.
Mehr über ihre Arbeit:
👉 www.vaya.live
👉 www.impulspiloten.de
👉 www.wildwomensclub.de
👉 Podcast „Good Life, Good Business“