Eigentlich hätte es diesen Moment gar nicht geben sollen.
Ich war mit Hanna unterwegs, einer engen Freundin und Reisebegleiterin, mit der ich immer wieder bewusst aus dem Alltag aussteige, um neue Perspektiven zu bekommen. Unser Ziel war Sydney. Opernkarten, lange geplant, alles durchorganisiert. Und dann wurde unser Flug gestrichen. Statt Vorfreude auf einen Abend in der Oper saßen wir plötzlich in Brisbane fest – mit einem leeren Tag, der so nicht vorgesehen war.
Ich erinnere mich noch gut, wie ich zu ihr sagte: „Jetzt müssen wir aufmerksam sein für das, was passieren wird.“ Nicht aus einer romantischen Idee heraus, sondern aus Erfahrung. Diese Momente, in denen etwas nicht funktioniert wie gedacht, haben oft eine eigene Qualität. Sie öffnen einen Raum, den man sonst sofort wieder schließen würde, indem man ihn mit Alternativen füllt.
Wir haben genau das nicht getan.
Stattdessen sind wir ins Museum gegangen, in eine Ausstellung von Olafur Eliasson. In einem der Räume, dunkel, fast still, setzte ich mich neben eine Frau, die ganz in sich versunken wirkte. Für einen Moment war ich unsicher, ob ich störe. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass genau hier etwas entstehen könnte, wenn ich nicht sofort wieder aufstehe.
Also blieb ich sitzen.
Was dann folgte, war kein großes, inszeniertes Gespräch, sondern ein leises Herantasten. Erika ist Bildhauerin und lebt seit vier Jahrzehnten in Australien. Sie erzählte von ihrem Weg dorthin, von einem Deutschland, das sich für sie damals eng angefühlt hatte, und von Australien als einem Ort, an dem sich etwas geöffnet hat. Mehr Weite, mehr Leichtigkeit, mehr Möglichkeit.
Während wir noch im Gespräch waren, kam ihre Freundin Anna dazu. Und mit ihr veränderte sich die Dynamik im Raum spürbar. Es wurde lebendiger, schneller, fast so, als würde jemand innerlich auf „Schnelllauf“ drücken. Aus zwei Menschen wurden vier, aus einem zufälligen Nebeneinander ein intensiver Austausch. Später saßen wir gemeinsam beim Lunch und sprangen von Gedanken zu Gedanken, von Autor zu Autor, ohne dass es an Tiefe verloren hätte.
Irgendwann wurde mir klar, was mich an diesem Moment so beschäftigt.
Ich saß dort mit einer Frau, die fast 80 Jahre alt war, und hatte nicht das Gefühl, auf eine abgeschlossene Lebensgeschichte zu blicken. Eher im Gegenteil. Es war, als würde ich einer Möglichkeit begegnen. Nicht einer Version, die ich kopieren möchte, sondern einer, die mir zeigt, was möglich bleibt.
Anna erzählte beiläufig: „Ich hatte mal eine Farm in Australien.“ Und dieser Satz stand plötzlich für viel mehr als nur eine Episode. Für ein Leben, das nicht linear verlaufen ist, sondern aus vielen Kapiteln besteht. Dinge aufbauen, wieder loslassen, neu beginnen. Und vor allem: neugierig bleiben.
Was mich besonders berührt hat, war nicht nur ihre Geschichte, sondern ihre Präsenz. Ihre Wachheit. Diese Klarheit im Blick, die ich selten erlebe. Und dann fiel irgendwann fast nebenbei der Satz, dass sie mit einem irreparablen Gehirntumor lebt.
In diesem Moment verschob sich etwas.
Es ging nicht mehr nur um eine interessante Begegnung, sondern um eine Frage, die mich seitdem begleitet: Was will ich mir eigentlich erhalten, während ich älter werde? Nicht, was will ich noch erreichen, sondern welche Qualität von Denken, von Wahrnehmen, von Lebendigkeit darf nicht verloren gehen.
Am Abend standen Hanna und ich dann doch noch in einem Konzert. Zwei der letzten Tickets für die Eröffnung des neuen Glasshouse Theatre, Verdis Requiem. Jemand sagte zu uns: „What a blessing that your flight was cancelled.“ Und ich musste lächeln, weil genau das stimmte.
Nicht, weil alles „gut ausgegangen“ ist. Sondern weil etwas entstanden ist, das wir so nie hätten planen können.
Was das mit Growth Mindset im Business zu tun hat
Wenn ich auf diese Erfahrung schaue, denke ich nicht zuerst an ein Konzept, sondern an eine Haltung, die sich im Moment entscheidet.
In Organisationen erleben wir sehr oft das Gegenteil. Sobald etwas nicht nach Plan läuft, setzt sofort ein Reflex ein: neu planen, kontrollieren, optimieren. Das ist verständlich und gleichzeitig genau der Moment, in dem Entwicklung häufig verhindert wird.
Ein Growth Mindset, wie es Carol Dweck beschreibt, wird im Business oft als etwas verstanden, das man „anwendet“. In der Realität zeigt es sich viel unspektakulärer und gleichzeitig anspruchsvoller.
Es zeigt sich darin, ob wir bereit sind, einen ungeplanten Moment auszuhalten, ohne ihn sofort zu schließen.
Drei Gedanken, die ich aus Brisbane mitnehme
- Nicht jeder ungeplante Moment ist ein Problem – oft ist er ein Zugang.
Wer sofort in Lösungen denkt, verpasst manchmal genau den Raum, in dem etwas Neues entstehen könnte. - Entwicklung braucht nicht immer mehr Aktivität, sondern mehr Wahrnehmung.
Die entscheidenden Impulse entstehen selten im Aktionismus, sondern im Innehalten. - Neugier ist kein „Soft Skill“, sondern eine strategische Fähigkeit.
Gerade in unsicheren Situationen entscheidet sie darüber, ob wir uns verschließen oder Möglichkeiten erkennen.
Und vielleicht ist es genau das, was ich aus dieser Reise mitnehme: Dass Entwicklung nicht immer dort passiert, wo wir sie suchen. Sondern oft dort, wo wir bereit sind, einen Moment nicht sofort zu verändern.
Ich schreibe Anna bis heute. Und manchmal denke ich an diesen Satz zurück: „Ich hatte mal eine Farm in Australien.“
Und daran, wie viel Leben in einem einzigen, beiläufigen Satz stecken kann.
Keep growing –
eure Vaya Wieser-Weber,
und das Team der Impulspiloten
Autor
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Vaya Wieser-Weber ist Unternehmerin, Keynote Speakerin, Autorin und Podcaserin. Sie gilt als Expertin für Growth Mindset, Leadership, emotionale Intelligenz und Organisationsentwicklung.
Seit über 25 Jahren begleitet sie Unternehmen, Führungskräfte und Teams in Veränderungsprozessen. In ihren energiegeladenen und interaktiven Keynotes zeigt sie, wie Menschen und Organisationen auch in unsicheren Zeiten handlungsfähig bleiben – mit Growth Mindset, Zuversicht und einer starken Lernkultur.
Vaya Wieser-Weber ist geschäftsführende Gesellschafterin der Impulspiloten GmbH und entwickelt Formate für Transformation, Leadership und Unternehmenskultur. Sie engagiert sich im Vorstand der German Speakers Association und ist Studienleiterin der GSA Akademie.
Neben ihren Vorträgen schreibt sie Fachartikel und produziert den Podcast „Good Life, Good Business“, in dem sie über Leadership, Unternehmertum und persönliche Entwicklung spricht.
Mehr über ihre Arbeit:
👉 www.vaya.live
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👉 Podcast „Good Life, Good Business“