Applied Improv: Was Improvisation mit zukunftsfähiger Führung zu tun hat

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Vor rund 20 Jahren saß ich in einem meiner ersten Improvisationsworkshops und dachte irgendwann: Das hier ist pures Gold für Führungskräfteentwicklung.

 

Theater hatte mich zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre begleitet. Impro war trotzdem etwas völlig Neues. Niemand kannte den nächsten Satz, niemand wusste, wohin sich eine Szene entwickeln würde. Eine Person gab einen Impuls, die nächste griff ihn auf und innerhalb weniger Sekunden entstand etwas, das vorher niemand geplant hatte. Ich war begeistert von dieser Energie und gleichzeitig fehlte mir etwas Entscheidendes: die Reflexion.

 

Warum versucht jemand sofort, eine Szene zu kontrollieren? Warum kann ein anderer Mensch eine Idee einfach loslassen? Was passiert, wenn wir einen Fehler machen? Wer übernimmt Führung und wer zieht sich zurück? Ich wollte nicht einfach die nächste Übung spielen, ich wollte verstehen, was diese Übungen über uns Menschen erzählen. Denn ziemlich schnell wurde mir klar: Was hier innerhalb weniger Minuten sichtbar wird, begegnet uns genauso in Teams, Führung und Veränderungsprozessen.

 

Was passiert, wenn der Plan nicht mehr trägt?

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Organisations-, Team- und Führungskräfteentwicklung und damit natürlich auch mit Persönlichkeitsentwicklung. Denn wie sollen sich Teams und Organisationen weiterentwickeln, wenn die Menschen darin nicht bereit sind, sich selbst und ihre eigenen Verhaltensmuster zu hinterfragen?

 

Genau das ist für mich gelebtes Growth Mindset. Die Bereitschaft, immer wieder dazuzulernen, neue Perspektiven einzunehmen und auch dann offen zu bleiben, wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir uns das vorgestellt haben.

 

Wir versuchen im Business vieles planbar zu machen. Strategien, Prozesse, Forecasts, Roadmaps und Szenarien geben uns Orientierung. Und dann kommt das Leben. Ein Kunde springt ab, eine wichtige Person verlässt das Team, KI verändert Arbeitsweisen oder eine Entscheidung muss getroffen werden, obwohl noch längst nicht alle Informationen auf dem Tisch liegen.

 

Genau dann zeigt sich unsere Haltung. Können wir mit Unfertigem umgehen? Können wir eine eigene Idee loslassen und einen Impuls von jemand anderem aufnehmen? Wie reagieren wir, wenn etwas nicht funktioniert? Und können wir Verantwortung übernehmen, ohne alles kontrollieren zu müssen?

 

Für mich liegt darin eine der wichtigsten Fähigkeiten moderner Führung: handlungsfähig bleiben, obwohl ich noch nicht weiß, wie die Geschichte ausgeht. Und genau das lässt sich mit Improvisation erstaunlich gut trainieren.

 

Applied Improv: Wie aus einem Spiel persönliche Entwicklung wird

Bei Improvisation denken viele zuerst an lustige Bühnenszenen, Spontaneität und Schlagfertigkeit. Mich interessiert etwas anderes. Eine Improübung schafft einen kleinen Erfahrungsraum, in dem unser Verhalten sehr schnell sichtbar wird. Wie reagiere ich, wenn meine Idee nicht angenommen wird? Wie schnell bewerte ich den Vorschlag eines anderen? Höre ich wirklich zu? Wie gehe ich mit Fehlern um? Kann ich Kontrolle abgeben?

 

Darüber können wir lange diskutieren oder wir erleben es innerhalb weniger Minuten. Genau an diesem Punkt wird für mich aus Improvisation Applied Improv.

 

Aus unserer Arbeit haben Ralf Schmitt und ich unser MDMA-Modell für Applied Improv entwickelt. Und nein, in diesem Fall geht es nicht um bunte Pillen. 😉 MDMA steht für Mindset, Didaktik, Methoden und Anwendung.

 

Beim Mindset geht es um die Haltung, mit der ich Unsicherheit, Fehlern und Kontrollverlust begegne. Die Didaktik sorgt dafür, dass wir nicht einfach eine Übung spielen, sondern anschließend verstehen, was wir erlebt haben. Bei den Methoden geht es darum, das richtige Werkzeug für das jeweilige Entwicklungsziel auszuwählen. Und die Anwendung stellt für mich die wichtigste Frage: Was mache ich im Alltag anders?

 

Denn wenn wir einen großartigen Workshop erleben, viel lachen und danach exakt so weitermachen wie vorher, hatten wir vielleicht einen schönen Tag. Entwicklung war es noch nicht.

 

Genau deshalb ist Applied Improv für mich so eng mit Growth Mindset verbunden. Wir schaffen Erfahrungen, in denen Menschen ihre gewohnten Denk- und Verhaltensmuster erkennen und neue Handlungsmöglichkeiten ausprobieren können. Und manchmal braucht es dafür gar keinen klassischen Business-Kontext.

 

Zwei Wochen, rund 120 Menschen und ein fantastischer Sommer auf Schloss Hohenfels

Wie kraftvoll solche Erfahrungsräume sein können, habe ich diesen Sommer wieder einmal auf Schloss Hohenfels am Bodensee erlebt.

 

Was vielleicht nicht alle wissen: Gemeinsam mit meinem Geschäftspartner Ralf Schmitt veranstalte ich ImproHotel Erlebnisreisen rund um Improvisationstheater, persönliche Entwicklung und Gemeinschaft.

 

Diesen Sommer waren wir gleich zweimal für jeweils eine Woche auf Schloss Hohenfels. Zweimal rund 60 Menschen, die gemeinsam gespielt, ausprobiert, gelernt, gelacht und sich auf eine ganz besondere Reise eingelassen haben. Was für ein fantastischer Sommer!

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Mich begeistert dabei immer wieder, was passiert, wenn so viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen. Manche haben bereits jahrelange Impro-Erfahrung, andere stehen zum ersten Mal auf einer Impro-Bühne. Menschen mit unterschiedlichen Berufen, Lebensgeschichten, Erfahrungen und Persönlichkeiten begegnen sich und lassen gemeinsam etwas entstehen, das vorher niemand hätte planen können.

 

Und genau darin steckt für mich ein unglaublich spannender Lernraum. Menschen lassen eigene Ideen los, greifen die Gedanken anderer auf, übernehmen Führung und geben sie wieder ab. Sie erleben, dass sie auch dann handlungsfähig bleiben können, wenn der ursprüngliche Plan nicht funktioniert. Und sie erfahren, wie viel entstehen kann, wenn wir einander zuhören, vertrauen und uns gegenseitig unterstützen.

 

Das ImproHotel ist kein klassisches Führungskräftetraining. Es ist eine Erlebnisreise, bei der Improvisation, persönliche Entwicklung und Gemeinschaft zusammenkommen. Und gerade deshalb finde ich diese Wochen auch aus meiner Perspektive als Organisationsentwicklerin so spannend.

 

Denn was wir dort erleben, begegnet uns genauso im Business. Wie entsteht Vertrauen in einer Gruppe? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Persönlichkeiten um? Wie viel Raum geben wir anderen? Und wie gelingt es uns, gemeinsam etwas zu gestalten, ohne dass eine einzelne Person jeden Schritt vorgeben muss?

 

Bei einer Gruppe von 60 Menschen wird das besonders eindrucksvoll sichtbar. Da entsteht eine Dynamik, die weit über einzelne Improübungen hinausgeht. Menschen lernen voneinander, wachsen miteinander und erleben, dass sie Teil von etwas Größerem sind.

Für mich ist das gelebtes Growth Mindset. Nicht als theoretisches Konzept auf einer PowerPoint-Folie, sondern als gemeinsame Erfahrung.

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Führung heißt nicht, die nächste Szene zu kennen

Menschen brauchen Orientierung, gerade in unsicheren Zeiten. Aber Orientierung ist nicht dasselbe wie Kontrolle. Ich kann eine Richtung vorgeben, ohne jeden einzelnen Schritt zu kennen. Ich kann eine Entscheidung treffen und sie korrigieren, wenn neue Informationen auftauchen. Ich kann sagen: „Das weiß ich gerade nicht.“ Und ich kann meinem Team zutrauen, dass die beste Lösung nicht zwangsläufig in meinem eigenen Kopf entstehen muss.

 

Ein starkes Team funktioniert für mich deshalb ein bisschen wie ein gutes Impro-Ensemble: Menschen hören einander zu, greifen Impulse auf, entwickeln Ideen gemeinsam weiter und übernehmen Verantwortung für das Ganze. Niemand muss am Anfang wissen, wie die letzte Szene aussehen wird.

 

Genau hier beginnt für mich High Performance Flexibility. Flexibilität bedeutet nicht, jeden Plan beim kleinsten Widerstand über Bord zu werfen oder möglichst spontan durchs Business zu stolpern. Es bedeutet zu erkennen, wann ein Plan Orientierung gibt und wann er uns daran hindert, angemessen auf die Realität zu reagieren.

 

Vielleicht sollten wir deshalb im Business nicht nur darüber sprechen, wie wir Unsicherheit reduzieren können. Wir sollten auch lernen, besser mit der Unsicherheit umzugehen, die sich eben nicht beseitigen lässt.

 

Transformation wird nicht aufhören. Technologien werden sich weiterentwickeln, Teams werden sich verändern und Pläne werden manchmal nicht funktionieren. Zukunftsfähigkeit bedeutet für mich deshalb nicht, für alles einen perfekten Plan zu haben. Sie bedeutet, einen guten Plan zu haben und trotzdem bereit zu sein, ihn anzupassen, wenn die Realität uns etwas anderes erzählt.

 

Nach diesem fantastischen ImproHotel Sommer mit rund 120 Menschen auf Schloss Hohenfels bin ich jedenfalls wieder einmal überzeugt davon: Wir Menschen können erstaunlich gut mit dem Unvorhergesehenen umgehen, wenn wir uns erlauben, nicht immer sofort die perfekte Antwort haben zu müssen.

 

Und manchmal entsteht genau dann etwas, das vorher niemand hätte planen können.

 

Keep growing.

Vaya

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Autor

  • Vaya Wieser Weber

    Vaya Wieser-Weber ist Unternehmerin und Keynote Speakerin für Growth Mindset, Zuversicht und positive Führung im Business. Unternehmen buchen sie, wenn es darum geht, Veränderung nicht nur zu verstehen, sondern in Verhalten zu übersetzen und eine klare, zukunftsorientierte Haltung im Unternehmen zu verankern.

    Sie zählt zu den profiliertesten Speakerinnen im deutschsprachigen Raum und steht für Keynotes mit Substanz, Wirkung und hoher Umsetzungsstärke – geprägt von über 25 Jahren Erfahrung, fundierter Expertise sowie einer kraftvollen Mischung aus Klarheit, Energie und Humor.

    In ihren Vorträgen zeigt sie, wie Unternehmen, Teams und Führungskräfte auch in unsicheren Zeiten handlungsfähig bleiben, ein starkes Growth Mindset entwickeln und Zuversicht gezielt als Führungsressource nutzen.

    Als Autorin, Podcasterin von „Good Life, Good Business“ und geschäftsführende Gesellschafterin der Impulspiloten GmbH entwickelt sie Formate für Organisationsentwicklung, die Kultur, Zusammenarbeit und Führung nachhaltig verändern.

    Mehr über ihre Arbeit:
    👉 www.vaya.live
    👉 www.impulspiloten.de
    👉 www.wildwomensclub.de
    👉 Podcast „Good Life, Good Business“

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